Energie

Stress abbauen und mentale Stärke durch Rollenwechsel

(Lesezeit ca. 4 Minuten)

Stressresilienz – eine Kunst, die man lernen kann.

In diesem Blogpost erfährst du das Geheimnis, wie du Stress sowie hemmende und deprimierende Zustände transformieren kannst. Ja, wie du sogar höchste Konzentration erreichen kannst – auch wenn du dich gerade überhaupt nicht danach fühlst. Pain to gain, wie die Amerikaner sagen. Du wirst erstaunt sein, wie banal und simpel dieses Geheimnis funktioniert.

Pain to gain

Stell dir vor, du hast starke Kopfschmerzen. Es gibt aber einen Termin, an dem du unbedingt teilnehmen musst. Ein Meeting, eine wichtige Gerichtsverhandlung, eine Rede vor vielen Menschen, ein Wettkampf …

Was meinst du: Interessieren sich andere Menschen dafür, ob du Stress hast oder wie es dir gerade geht? Einige vielleicht, deine Freunde oder Familie … die meisten eher nicht. Die Wahrheit ist: Der Mehrheit der Menschen ist es im Grunde relativ egal, wie du dich fühlst. Dein Arbeitgeber, dein Auftraggeber, deine Kunden wollen nur eins: dass du funktionierst. Oder, falls es sich um einen Wettkampfgegner handelt: dass du verlierst.

Einem sportlichen Gegenspieler ist es egal, ob du in der letzten Nacht schlecht geschlafen hast, ob du dir den Magen verdorben oder sonstigen Stress in deinem Leben hast.

Der große Sportcoach Dr. James Loehr hat über hundert Weltklasse-Athleten betreut. Unter ihnen Monica Seles, Martina Navratilova, Pete Sampras, Ray Mancini … Für ihn steht fest, dass der entscheidende Unterschied darin liegt, genau diesen emotionalen Stress auszuhalten, wenn es darauf ankommt.


Mentale Stärke ist die Fähigkeit, sich ungeachtet der eigenen Emotionen und der äußeren Umstände an seiner oberen Leistungsgrenze zu bewegen.

Für Sportler ist mentale Stärke ein Hauptgrund ihres Erfolgs. Dies gilt natürlich nicht nur im Sport. Es gilt für Erfolg auf jedem Gebiet.

James Loehr

Um seinen Sportlern mentale Stärke beizubringen, hat Loehr zwischen einem Real-Ich und einem Wettkampf-Ich unterschieden. Das Real-Ich ist das, was wir tagtäglich unter normalen Bedingungen sind. Man könnte sagen: So, wie wir wirklich sind. Das Wettkampf-Ich ist, vereinfacht gesagt, der Zustand, in dem wir Emotionen zwar wahrnehmen, ihnen jedoch nicht nachgeben:

Für einen Sportler der Zustand, in dem er Höchstleistungen bringt, für einen Arzt eine Operation, für einen Rechtsanwalt ein wichtiger Prozess, für einen Autor ein Kapitel in einem Buch, für den Verkäufer eine wichtige Verhandlung usw.

Real-Ich und Wettkampf-Ich beeinflussen sich gegenseitig. Wenn du dein Real-Ich stärkst, so hilft dir das im Wettkampf („Wettkampf“ steht im Folgenden immer als Synonym für den Moment, in dem du voll da sein willst oder musst). Und wenn du dein Wettkampf-Ich trainierst, hilft dir das auch, dein Real-Ich zu stärken.

Emotionale Stärke ist dabei keineswegs auf den mentalen Bereich beschränkt. Emotionen sind neurochemische Vorgänge im Gehirn und damit physische Prozesse. Gedanken sind elektrochemische Abläufe im Gehirn und ebenfalls physisch. Denken bedeutet nicht, dass in deinem Kopf einfach Luft hin und her geschoben wird. Nur weil du Gedanken und Emotionen nicht sehen kannst, heißt das nicht, dass sie keine physische Komponente haben.

Eine E-Motion erzeugt immer auch Motion (engl. Bewegung) und Motion erzeugt immer auch eine E-Motion. Die englischen Sprache ist hier sehr präzise und bringt auf den Punkt worauf es ankommt: Körperhaltung und Körpersprache.

Worauf es ankommt, um deine Körperchemie positiv zu beeinflussen

Was denkst du ist die wichtigste Fähigkeit, die du für ein Wettkampf-Ich brauchst? Die meisten Menschen kommen nicht darauf. Es ist die Fähigkeit, ein guter Schauspieler zu sein.


Bild: Ein Schauspieler kann sich fühlen wie er will

Natürlich ist allein die Begrifflichkeit problematisch. Etwas „vorspielen“ erscheint vielen identisch mit „andere täuschen“. Aber hier geht es auch nicht darum, sich zu verstellen und nicht man selbst zu sein.

Es geht darum, vorbereitet zu sein, wenn es darauf ankommt. Situationen, in denen du dir selbst signalisierst: „Jetzt ist Zeit für Rock ´n´Roll“! Dann brauchst du dein Wettkampf-Ich – und dann ist die Schauspielkunst die wichtigste Eigenschaft.

Was zeichnet einen guten Schauspieler eigentlich aus? Und ist es fair, dass Topschauspieler solche unglaublichen Gagen bekommen? Ja, sie verdienen diese hohen Summen vollkommen zu Recht. Denn sie haben eine unglaubliche Fähigkeit: Sie können sich fühlen, wie sie wollen.

Ein guter Schauspieler kann die im Drehbuch verlangte Emotion sofort glaubhaft darstellen, weil es ihm gelingt, diese Emotion körperlich umzusetzen. Die besten Schauspieler spielen nicht nur die jeweils geforderte Emotion, sie lösen sie tatsächlich aus. Sie empfinden tatsächlich Kummer, Trauer, Ärger, Glück …

Das Entscheidende ist: Sie können in die jeweilige Emotion schlüpfen, ganz gleich, wie sie sich vor der Aufnahme gefühlt haben.

Längst hat die Neurowissenschaft bestätigt: Die biochemische Wirkung von gespielten Emotionen sind identisch mit echten Emotionen. Vorgetäuschte Emotionen verändern unsere Körperchemie also genauso wie echte Emotionen. Indem wir bestimmte Körperhaltungen einnehmen, können wir bestimmte Emotionen auslösen. Darum ist das Schauspielen eine Kunst, die man erlernen kann.

Gute Sportler müssen ebenfalls gute Schauspieler sein. Sie müssen die chemischen Abläufe in ihrem Körper in die gewünschte Richtung lenken können. In den richtigen Momenten müssen sie z. B. Zuversicht, Gelassenheit oder Siegessicherheit aufleben lassen – für sich selbst und um den Gegner zu beeindrucken.

Aber hauptsächlich für sich selbst!

Die wichtigste Rolle

Die entscheidende Frage ist jetzt: Welche Rolle solltest du denn spielen? Welchem Drehbuch müsstest du einer sehr wichtigen und anspruchsvollen Situation folgen?

Für einen Sportler sind diese Fragen leicht zu beantworten. Ein Sportler muss einfach die Rolle eines Siegers einnehmen. Ganz gleich, wie der Punktestand ist; ganz gleich, wie er sich gerade fühlt. Er muss den Sieger spielen.

Und das muss er in erster Linie für sich selbst tun! Er muss in seinem Körper die Chemie eines Siegers erzeugen und sein Energielevel hoch halten. Das tut er, indem er seine Mimik und Körpersprache lenkt und so die gewünschten Emotionen herbeiführt. Er muss sich wie ein Sieger verhalten und wie ein Sieger aussehen, obwohl er möglicherweise gerade verliert. Nur so hat er eine Chance, einen Wettkampf noch zu drehen.


Bild: Sportler, die nicht gut schauspielern können, leben stattdessen die Emotionen aus, die sie gerade verspüren.

Die gute Nachricht: Du kannst lernen, deine optimale Leistung abzurufen. Du kannst das trainieren und steuern, sodass du, wenn es drauf ankommt, richtig gut bist. Daraus resultiert ein großes Selbstvertrauen. Wenn du weißt, dass du im entscheidenden Moment alles abrufen kannst, dann traust du dir viel mehr zu.

Dazu benötigst du eine Vorstellung davon, was du möglicherweise erreichen willst: Emotionen, die dir Kraft geben und Gedanken, die dich bereits am Ziel sein lassen noch bevor du das Ziel tatsächlich und real erreichst.

Deine Emotionen sind in viel stärkerem Maße kontrollierbar als du denkst. Du hast im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, wie du deine Emotionen lenken kannst: Dein Denken und dein physisches Verhalten, also deine Körperhaltung.

Mit Meditation zum Wettkampf-Ich

Nimm eine bequeme Sitzhaltung ein, auf einem Stuhl, im Schneidersitz auf dem Boden oder im Liegen. Setze dein schönstes Gesicht auf, nimm eine präsente, aufrechte Körperhaltung ein. Lächle und signalisiere deinem Körper: „Mir geht es fantastisch“. Denke jetzt an eine Situation, in der es dir schon einmal gelungen ist, dein volles Potenzial abzurufen. Eine Situation, in der du im Flow warst und die Zeit einfach verflogen ist.
Diese Situation ist noch in deinem Gedächtnis gespeichert. Du kannst sie reaktivieren und immer dann zurück ins Gedächtnis bringen, wenn du „Schauspielern“ musst.
Konzentriere dich auf eine gleichmäßige Atmung. Dein Testosteronspiegel steigt an und dein Cortisolspiegel sinkt. Halte diese Position für nur 2 Minuten und deine gesamte Körperchemie verändert sich.
Deine Körperhaltung bringt dich dem angestrebten emotionalen Zustand näher. Deinem Körper wird die Botschaft übermittelt: Ich mag diese Herausforderung.


Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um Tipps für das Real-Ich, sondern nur für das Wettkampf-Ich.

Übertreibung

Wenn wir dagegen zu stark und zu oft in unserem Wettkampf-Ich sind, so dominiert eine Rolle in unserem Leben. Wir wirken dann so, als wenn wir auch in der Freizeit eine Rolle spielen. Wir wirken nicht echt. Weil wir es tatsächlich ja auch nicht sind. Für die Psyche kann eine solche Situation sehr verwirrend sein. Ein Gefühl von Entfremdung kann einsetzen. Werte werden unklar und Orientierung geht verloren. Das ist bei Stars und Politikern, die oft Schauspielern müssen, zu beobachten. Es ist daher wichtig, bewusst in eine Rolle zu schlüpfen und sie nach Gebrauch auch wieder zu verlassen.

Fazit

Wer gelernt hat zu schauspielern, der hat ein mächtiges Werkzeug an der Hand, um seinem Leben einen Turbo zu verleihen. Wer es ablehnt, in wichtigen Situationen eine Rolle zu spielen, der hat nur sein Real-Ich, das ihm in wichtigen Situationen zur Verfügung steht. Und das Real-Ich neigt dazu, Dinge und Umstände persönlich zu nehmen. Wer also wissen will, was in ihm steckt, muss immer auch lernen, ein guter Schauspieler zu sein.

Dein Fan

Volker

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